Love is free

Hier werden Fehler gemacht. Sehenden Auges ins Scheidungsjahr – was ein geiler Romantitel. Was eine ätzende Behauptung. Wir Menschen haben den Jahrhunderte lang andauernden Versuch, in klassisch monogamen Beziehungen zu leben, noch immer nicht beendet. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen: Märchenbücher schwören auf Prinz und Prinzessin, Barbie liebt Ken und die Schöne das Biest, wir schauen Popcorn fressend Liebeskomödien, lesen Rosamunde Pilcher, die Eltern fragen ab Mitte 20 nach den Enkelkindern, Hochzeiten sind zum perfekten Megaevent hochsterilisiert worden, für alle, die es nicht aushalten, dass sie immer noch Single sind, gibt es Tinder und Vater Staat begünstigt Ehen per Steuern. Und wer es verkackt, so wie Faust und Gretchen, einfach mal Sex, ganz unverbindlich, da sieht man ja was bei rauskommt: Gretchen muss sterben (sorry, Spoiler für den Grundkurs Deutsch). Es ist so klar wie Kloßbrühe, hier braucht anscheinend jeder einen Partner, und das heißt dann: Beziehung und bedeutet für alle das gleiche: Treue. Also verbergen die einen und anderen ihre Nächte im Swingerclub oder mit Escortboys and -girls, haben zwei Familien, eine Affaire, einen One-Night-Stand, aber so lange die Beziehung existiert, nicken wir auch die noch so von außen offensichtlich zerrüttete Ehe freundlich ab. Bella ciao! Wir sind doch echt alle ganz schön bekloppt. Es gibt so viele Möglichkeiten mit einer normalen Beziehung zu scheitern, der Unterschied ist halt, ich reibe sie meiner besten Freundin nicht unter die Nase, wenn sie mir beim Kaffee erzählt, sie habe sich frisch verliebt. Ich hoffe, für sie wird alles gut werden. Kuss-Emoji. Mir darf das aber anscheinend jeder mitteilen, dass mein Konzept von Partnerschaft so gut geht wie Nutella auf Pizza: gar nicht. Das sei nichts für mich, das könne nicht gut gehen, das sei nicht das Richtige. Twitter ist ein Dreck dagegen. Seit ich so lebe werden sogar meine körperlichen Probleme, auf meine Beziehung geschoben. Mein Nacken, der quält mich seit Jahren, jetzt dran schuld: meine Beziehung. So einfach ist das. Tütchen auf, drüber, fertig. Im Handumdrehen die Psyche verstehen, das geht ganz leicht, sobald man sich nicht an die, wie ins Weckglas eingemachten Standard-Versionen eines Lebens hält. So muss es Homosexuellen lange gegangen sein. Wie ätzend.

Ich weiß doch selbst nicht, wie das alles werden wird. Nur: wird es scheitern, kann ich die Sprüche schon jetzt mal auf Banderolen sticken: Hab ich kommen sehen, habe ich befürchtet, das war ja auch nur ein Versuch, die Ehe zu retten. Ich danke mir selbst für so viel Antizipation und gehe jetzt aufs Klo. Von Urin zum Ruin ist es ja nicht weit.

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