Fledermausland

Der Rattenfänger von Hameln, dem laufen die Kinder fraglos hinterher, dem Fremden folgen sie in einen dunklen Berg. Was war das wohl für ein Ort? Düster sicherlich, kalt und geheim. Ich mag das, das Schaurige. Halbwelten, Untergründe. Und ich mag überhaupt nicht ergründen, warum das so ist. Ich mag es feststellen und dieser Vorliebe genauso nachgehen, wie Fußfetischisten immer neue Füße ablecken.

Als Mrs. Mia Wallace mit blutender Nase vom Sofa kippt, sitze ich begeistert vor der Glotze. Das ist genau mein Ding. Ich bin etwa fünfzehn und spüre eine tiefe Faszination. In folgenden Filmen, ähnliche Genres, gleiche Themen geht es mir wieder so. Ich suche gezielt nach diesen Geschichten, will mehr von den Leben sehen, die nicht funktionieren oder zumindest das Gegenteil von „spitze“ sind. Die Vorliebe für Kaputtes. Der Rand, das Abseits, das Ungehörige – kein Ort bei Google Maps, dennoch existent.

Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre in Panikherz seinen Untergang erzählt, klebe ich heute an seinen Zeilen, so wie damals an den Worten von Christiane F.. Das Buch sollte abschrecken, Negativbeispiel sein, für mich war es logisch und sie für mich: eine Heldin. Meine Lehrer verstanden das nicht, zugegeben, gab es auch keine Argumente, es war aber so. Pete Doherty, Charles Bukowski – erzählten sie, hörte ich zu, angetan von so viel libertärem Mut. Die Freigeistigkeit dieser Personen, es so zu machen, wie sie es wollten. Es war für mich ein Infragestellen der geltenden Normen. Ein rebellischer Akt, den nur diejenigen leisten konnten, die die Absurdität dessen erkannt hatten, was tagtäglich von allen verlangt wird. Eine absichtliche Aufmüpfigkeit als Demonstration gegen gesellschaftliche Erwartungen. Ein Beweis dafür, dass es auch anders geht. Auch wenn das „anders“ bedeutete, sich damit zu schaden. Das Schaden, so interpretierte ich es zumindest immer, war logischer Teil des Rebellentums. Ein Antimodell der Fitness, der Gesundheit, der Schönheit. Eine absichtlich herbeigeführte Unfitness ist auch immer der Mittelfingerzeig in Richtung Leistungsgesellschaft. Verpönt, natürlich, aber genau deswegen ja gerade erstrebenswert.

Sitzen heute Schüler vor mir, die absichtlich keine Leistung zeigen, sehe ich in ihnen zuerst immer diese Menschen. Die es erkennen, dass es irre ist, was wir von ihnen verlangen. Ich spüre diese jugendliche Intuition, die zurecht verurteilt, in welche Bahnen dieser Geist gelenkt werden soll. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich diesen Schülern besonders zuwende. Für mich sind die nicht zu blöd sich einzufügen, etliche davon sind zu klug. Das versichere ich ihnen dann und zeige Zwischenwege auf. Man muss nicht untergehen, um unangepasst zu sein. Es bringt nichts. Einen Teil der vorgegeben Melodie mitzuspielen, ist der bessere Weg. Man muss nur wissen, welche Töne man weglässt oder welche Füße man ableckt. Wer dazu in der Lage ist, der geht auch keinem Rattenfänger auf den Leim. Versprochen.

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