Jetzt mal Nutten bei die Fische

Entweder bist du eine von denen, die eine Bitch sein wollen, weil du gerade eine große Fanin von Deutschrap bist und gerne eine von den besungenen Huren sein möchtest oder du bist Feministin und hast den Plan abends in Bars mit Männern über Sexismus zu debattieren. Anders kann ich mir ein – Achtung, diskriminierendes Wort – „nuttiges“ Outfit nicht erklären. Es sei denn, du bist einfach eine Prostituierte. Und um das gleich mal klarzustellen: Prostituierte haben eine Arbeitskluft, so wie andere Berufe auch, da bin ich ganz nüchtern. Soweit ich das richtig im Kopf habe sind das: Hohe Schuhe, kurzer Rock oder Hose, tiefer Ausschnitt und übertriebenes Make-Up. Etwa so, wie eine Ärztin eben im weißen Kittel rumläuft. Mit weißen Birkenstock. Outfit eben. Feministinnen in meinem Umfeld fordern dazu auf, dass jede Frau immer das tragen dürfen solle, was sie wolle, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Diese so genannten Konsequenzen reichen, je nach Diskussion, von Hinterherpfeifen, über Sprüche, bis hin zu körperlichen Übergriffen. Keine Frage: Körperliche Übergriffe soll niemand, niemals und nirgends dulden müssen. Trotzdem finde ich, dass keine Frau immer einfach immer alles tragen können soll. Das ist naiv. Und das hat mehrere Gründe. Sexy Outfits sind, so wie alle anderen Outfits, mehr als Bekleidung. Kleidung bedeutet Kommunikation, Signal, Statement. Man positioniert sich damit, bringt etwas zum Ausdruck, eine Stimmung vielleicht oder offenbart etwas über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Szene oder einem Berufsfeld. Wenn Tiere kommunizieren, tun sie das nicht selten über optische Reize. Der Fregattvogel zum Beispiel, der hat, wenn er Bock hat, eine knallrote Kehlhaut. Oder Glühwürmchen, sie leuchten eben, weil sie gesehen werden wollen. Anders herum tarnen sich Tiere natürlich auch, um möglichst nicht gesehen zu werden. Der Ruderfrosch, zum Beispiel, sieht aus wie Moos, wenn er sich nicht bewegt. Das sind Momente im Leben eines Ruderfrosches, in denen er weder Sex will, noch reden, noch gefressen werden. Oder die Wolfsspinne sieht exakt aus wie Baumrinde. Sie wird in dieser Umgebung, regungslos, ziemlich sicher keine Spinnenkinder zeugen. Es scheint also je nach Anliegen eine gute Idee zu sein, sich entweder unauffällig an die Umgebung anzupassen oder schrill zu leuchten. Extravagant gewählt Outfits, die an die Arbeitskleidung Prostituierter erinnern, sind nicht aus Versehen angezogen worden. Frauen wissen, dass diese Kleidung etwas bewirkt. Die Frage ist natürlich nun: Was darf sie bewirken? Wo sind die Grenzen des Hinnehmbaren? Und bis wohin muss sich aber jede Frau, die sich schlüpfrig auf den Weg in die Stadt macht klar sein, was sie zu erwarten hat? Zu erwarten hat sie sicherlich wesentlich mehr Anmachen, sicherlich auch plumpere. Sie hat vielleicht Zuweisungen zu erwarten, so etwas wie „heiße Braut“ oder „sexy Lady“. Ja, ganz bestimmt, hat sie das. Wenn der Ruderfrosch Lust auf eine Ruderfröschin hat, dann sitzt er nicht im Moos, dann legt er sich mit vielen anderen geilen Ruderfröschen ins Wasser und schreit so laut er kann. So einfach ist das bei den Ruderfröschen. Sicher, wir sind keine Tiere und schon gar keine Amphibien, und das, was uns natürlich am allermeisten von Tieren unterscheidet ist unser verdammter Verstand. Und der sollte dazu beitragen, dass keiner über den anderen herfällt und begattet, ungefragt. Oder betatscht. Aber, dass dieses Outfit etwas ausdrückt, da ich gezielt ganz bestimmte körperliche Reize betone, viel nackte Haut zeige und mich vielleicht noch dem entsprechend bewege, das ist doch jeder Frau klar, die so auf die Straße geht. Das muss jeder Frau klar sein. Unterstützt wird diese These übrigens noch durch das gerne angebrachte Schwimmbadbeispiel. Wir Frauen im Bikini, viel nackte Haut. Achso. Keine Sprüche, keine Anmache. Zumindest nicht mehr als sonst. Komisch? Überhaupt nicht. Kleidung ist ein Statement. Und ein Bikini sagt nicht: Ich will sexy sein. Ein Bikini sagt: Ich will baden gehen. Im Prinzip ist er die Umkehrung des „nuttigen“ Outfits, denn er hebt nicht besonders Körperpartien hervor, sondern er verdeckt das Wesentliche. So, dass man eben schwimmen kann, ohne nackt zu sein. Der Unterscheid ist der Ort und der Zusammenhang. Unsere Männer haben sich also anscheinend schon jetzt besser im Griff als viele ihnen unterstellen. Weil sie die Signale unserer Kleidung eigentlich schon recht genau deuten können. Kein Mann käme auf die Idee, einer Frau im Bikini zu unterstellen, sie habe besondere Lust angesprochen zu werden. Zumindest der einen nicht mehr als der anderen. Wenn im Ausgehkontext aber eine eindeutig gekleidete, Booty shakende Lady neben einer – ich übertreibe – zugeknöpft rumstehenden Lady abgeht, dann ist schon klar, welcher Frosch hier gerade auf dem Moos und welcher im Wasser sitzt. Es sei denn, der Bikini ist ein Tanga und das Oberteil bedeckt notdürftig die Brustwarzen. Natürlich ist auch in Gewässernähe absichtliche Sexyness möglich. Aber dann auch gewollt. Ich frage mich also, was diese Forderungen nach: Jede soll immer tragen dürfen, was sie möchte, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden oder angemacht zu werden, eigentlich will. Dahinter steckt sicherlich der Wunsch nach Sicherheit und Freiheit. Jeder immer wie er will, am besten überall, keine Vorurteile and so on. Individualism. Da bin auch ich prinzipiell dabei. Da sie aber absurd ist, weil sie die Grundregeln menschlicher Kommunikation auf den Kopf stellt, da sie verlangt die Optik völlig aus der Kommunikation zu entfernen, weigere ich mich, hier ins gleiche Horn zu blasen. Die gesprochenen Anteile einer Unterhaltung unterliegen den optischen Reizen massiv. Je nach sprachwissenschaftlichem Modell geht man von bis zu 80% visuellen Anteilen aus. Und jede Kommunikation beginnt mit dem visuellen Statement, das ich setze. Denn das entscheidet, ob ich überhaupt wahrgenommen werde, wie der Frosch im Teich, oder übersehen wie die Wolfsspinne am Baum.

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