Ich war hier

Nicht jeder, der mal Ladendieb war, sollte Filialleiter werden. Und nicht jeder, der mal Schule geschwänzt hat, sollte Lehrer werden. Aber jeder, der Lehrer werden will, sollte mal Schule geschwänzt haben. Das hat so (oder so ähnlich) zumindest mein Vater immer behauptet. Was ich noch sicher weiß ist, dass er immer sagte: „Die schlimmsten Schüler werden die besten Lehrer.“ Und er war ein richtig guter Lehrer. Im Lehrerzimmer höre ich täglich: „Warum verhalten sich die Schüler so?“ Meine spätpubertäre Antwort „Darum“ hilft keinem weiter, ist aber so. Es sind halt Jugendliche. Ich will gar nicht mehr tun, als mit den Schultern zucken und mir schnell einen Jogurt aus dem Kühlschrank holen gehen. Als meine beste Freundin damals nach dem Realabschluss vor die Schule gekotzt hat, lag das daran, dass wir dort auf dem Schulhof offiziell Bier verkaufen durften, um das Geld für unsere T-Shirts wieder reinzukriegen. Darauf abgebildet war Brain von Pinky und der Brain. Und es war 90er Jahre blau. Und die ganze Schülerschaft an diesem Tag auch. Heute ist Alkohol verboten. Generell und immer. Wir hatten einen eigenen Raucherhof. Unsere Lehrer rauchten im Lehrerzimmer und die Leute, die den Stundenplan bastelten, rauchten beim Basteln. Bei unserem Oberstufenleiter gab es manchmal zu später Stunde bei einem Gespräch mit ein paar Oberstufenschülern einen Whiskey. Wir durften in der Aula übernachten und parkten mit unseren Autos am Abischerz die Schultüren zu. Aber jetzt ist echt mal Schluss. Vor allem mit lustig. Wir hatten ja alle unseren Spaß. Einmal, da hatten wir im Sommer nachmittags im Oberstufenbau Englisch Leistungskurs. Ich fragte nicht wirklich ernst gemeint, ob ich eine rauchen dürfe. Der Lehrer ließ abstimmen. Mehrheit dafür. Aschenbecher aus etwas Alufolie gebastelt und rauchend über Romeo philosophiert. Ich hatte vorher einen Mohnplunder gegessen der lag mir schwer im Magen, da kam mir dieses Votum sehr entgegen. Das war 2003 – nicht 1968. Da waren die meisten meiner Schüler gerade geboren. Es ist noch nicht so lange her. Es gab schon Handys. Es gab den Euro. Es gab Polyphone Klingeltöne. Einmal kam RTL in unsere Schule und filmte exemplarisch eine Toilette. Die lag wirklich sehr ab vom Schuss. Auf einem Hof, auf dem nie jemand war, sie war auch oft gesperrt. Wenn sie offen war, war sie stark frequentiert. Man hatte die Türen ausgehängt und oben auf die Kloabteilkonstruktion gelegt. Da konnte man dann sitzen. Es ging also niemand zum Urinieren dort hin. Und es war ein genderneutrales Klo. Außerdem verewigten sich seit Generationen dort Leute mit Edding. Dieses Klo filmte RTL, um allen zu zeigen, wie schlimm die Zustände an Deutschlands Schulen sind. Diese Toilette existiert meines Wissens immer noch – im gleichen Zustand. Ich muss da mal hin. Würd‘ mich nicht wundern, wenn ich noch eine Dose Impulse Deo von mir auf dem Boden fände – Vanilla. Oder Hairmaskara in Neonorange. Ich weiß gar nicht, wie die Toiletten meiner Schüler aussehen. Die Lehrertoilette erinnert schon an diese RTL Mahn-Toilette – nur schreibt dort keiner mit Edding an die Wände. Demnächst wird sie außerdem saniert. Außen hat ein Witzbold unter „Damen WC“ den Hinweis „Gemäß Legehennenverordnung“ geklebt. Vielleicht war es sogar eine Witzboldine. Am Freitag gibt es Ferien. Da gehen wir dann alle zuhause aufs Klo – sauber und gesittet. Das war schon 2003 so. Manches ändert sich eben nie.

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