Gretchen fragen

Wenn man nachts in den Spiegel schaut, kommt der Teufel raus. Das hat die russische Oma meiner besten Freundin mir mit acht Jahren erzählt. Ich habe es nie vergessen und lange Zeit nachts nicht mehr in den Spiegel gesehen vor Angst. Ich glaube, ich war 14 und ziemlich mies drauf, als ich mich wieder getraut habe. Ich habe es sogar provoziert, denn es wäre mir sogar sehr recht gewesen, wenn er raus gekommen wäre – ein Bund mit dem Teufel passte damals richtig gut zu meiner Weltanschauung. Ich wollte übrigens auch gerne arbeitslos werden, reiner Boykott.

Als mir neulich der Fön abgefackelt ist, unterstellte ich meinen Nutzgegenständen sofort eine Seele und warf auch ihnen Boykott vor. Kurz davor hatte nämlich unser Kühlschrank den Geist aufgegeben und die Waschmaschine tat zumindest für einige Stunde so, als tue sie es ihm gleich. Dass das Absprachen sind, kann jetzt keiner abstreiten. Genauso wenig, wie dass der Klimawandel nicht gefährlich ist und geldgeile Wissenschaftler sich damit die Taschen voll machen wollen, um – Achtung – den Sozialismus wiederzubeleben. Alles Ansichtssache, so scheint es. Denkt bestimmt auch Donald Trump. Und einen Bund mit dem Teufel ist der sicher auch längst eingegangen. Und wer an den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Und wer glaubt, der darf ja alles glauben. Auch, dass Impfen Kindern schadet. Oder, dass 9/11 der Geheimdienst war. Oder, dass Elektrogeräte kommunizieren. Tun sie ja auch! Oder nicht?

Meine Kinder glauben alles zu wissen. Das ist cool. Komplett unerfahren, aber überzeugt. Interessanter Ansatz, zeitweise auch noch in der Oberstufe zu beobachten. Aber da sind ja etliche noch mitten in der Pubertät. So wie ich damals, als ich den Teufel aus dem Spiegel heraufbeschworen habe. Was wohl der Deal mit ihm gewesen wäre? Seele verkaufen gegen schöneres Aussehen oder ein paar Skaterschuhe oder ein Tape? Hm. Ich stand viel vor dem Spiegel damals und habe mich beschaut. Ich hatte damals so ein Thigh Gap, diese Lücke zwischen den Oberschenkeln. Jahrelang. Ich habe mir nur nichts draus gemacht, weil es dafür keinen Namen gab und sich auch sonst niemand dafür interessiert hat. Zu schade. Egal. Heutzutage wäre es vielleicht Seele gegen Thigh Gap. Wobei, da tue ich der neuen Generation gerade sicher unrecht. Jetzt, wo die alle gegen den Klimawandel auf die Straße gehen, wäre es bestimmt: Seele gegen Ende des Klimawandels. Ideale, Ideale – meine Damen und Herren. Mal sehen, wie lange die jungen Leute das durchhalten. Gut ist es ja, dass die Kleinen unseren Müll nun ganz alleine aufsammeln wollen. So wie nach dem Fastnachtsumzug die Kehrkolonne kommt. Hart gefeiert, Kinder putzen. Die wollen bestimmt alle mal arbeiten, um die Welt zu retten. Das ist cool. Die retten übrigens nicht nur das Klima, sondern haben auch andere interessante Meinungen. Heute in der 11. Klasse wunderte sich ein Schüler von mir, dass ich aufgrund der reduzierten Stelle weniger Geld verdiene. Er dachte, wir bekämen das volle Gehalt, weil wir uns ja zuhause um die Kinder kümmern. Leute, wenn das die Ansichten der neuen Generation sind, dann haben wir zwar alles falsch, aber irgendwie auch alles richtig gemacht. Jetzt müssen wir nur noch lernen, an sie zu glauben, die Generation Z.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s