Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald.

Ja, wir waren verzweifelt. Und ja, wir haben es bei vollem Bewusstsein getan. An einem Nachmittag, in der letzten Schulferienwoche, nachdem es tagelang Bindfäden geregnet hatte, im Rhein-Main-Gebiet. Ein Thermenbesuch. Mit uns entschieden sich dafür auch andere. Und uns war das eigentlich klar, aber wir haben es trotzdem getan. Zwei Runden sind wir beladen mit Bergen von Handtüchern, einer XXL-Badetasche und den zwei Kindern im Nebel um den Erlebnispool geschlichen, bis wir eine einzige Liege für uns alle besetzen konnten. Gut, gebraucht haben wir sie sowieso fast gar nicht, denn die Mädels wollten sich gerne drei Stunden am Stück mit allen anderen Besuchern durchs Keim-Becken strömen lassen. Überall laufende Nasen und niesende Kinder und dann das schöne warme Wasser. Ach, die Biologin in mir muss zwangsläufig die Festplattenanteile auf der die Mikrobiologie-Kurse gespeichert sind runterfahren, sonst überlebe ich das nicht. Und dann wollte die Große auch noch ins Kinderbecken! Das war noch wärmer und ich habe ihr das dann echt verboten und ich glaube, mir ist sogar das Wort „Pissbrühe“ rausgerutscht. Und die Kleinste hat sich massiv gegen alle aufblasbaren Lebensretter gewehrt, die wir ihr zur Erleichterung überstülpen wollten. Ich habe im Schwimmbad-Shop dann sogar noch einen neuen rosafarbenen (!!!) Reif gekauft (überteuerter Notfall-Schrott-Kauf), aber es hat nichts genützt. Der Papa hatte ihn dann als Helm auf, immerhin. Ich habe vereinzelt Paare in diesem ekstatischen Kinderbeschäftigungsaquarium wahrgenommen. Was um alles in der Welt hat euch hier her getrieben? Oder seid ihr einfach gut im Ignorieren? Also, ich meine, ist es eine entspannte Sache, sich mit hundert wildgewordenen Schwimmwindelträgern und ihren Eltern in ein Becken aus waberndem Pipi-Rotz zu legen und bei 90 Dezibel zu chillen? Abgefahrene Entscheidung, nenn‘ ich das mal. Und die Therme ist nur die halbe Wahrheit. Wir kennen jetzt das SPD Sommerfest mit Hüpfburg und Kinderschminken, die Aufführung des Grüffelos in einem kleinen Zelt bei 33 Grad und den Zoo am Sonntag. Man trifft Entscheidungen nicht mehr ganz so rational. Ich habe mich lange Zeit nicht gefragt, warum ich als Kind so viel auf dem Spielplatz und im Wald war. Jetzt weiß ich es. Vorlesen, was Malen und Pferd spielen – ich schätze mal, das beschäftigt uns so zwei Stunden. Zwei Stunden! Unser Tag beginnt um 8:00 Uhr. Da kriechen andere noch nicht mal aus ‚m Bett und wir gehen schon im Nieselregen im Wald spazieren. Und genau aus diesem Grund fährt man auch sonntags auf den Feldberg, um Schlitten zu fahren und so. Das sind alles keine guten Ideen. Aber sie sind plötzlich da. Wobei, gegen zwei Dinge wehre ich mich noch immer vehement: Indoorspielplätze und Familienhotels. Da verbringe ich lieber einen ganzen langen Tag alleine mit beiden Kindern ohne Besuch zuhause, bevor ich einen Indoorspielplatz besuche. Deutlicher kann man die Ausweglosigkeit langer grauer Schlechtwettertage mit Kindern nicht zeichnen: Meine Kinder verschleimen drei Stunden ihre Körperfküssigkeiten auf lieblosen Plastikgeräten und ich beobachte das Geturne in einem Rattanstuhl sitzend, bewache die Capri Sonnen, neben mir ein lachender Mülleimer mit Gesicht, um ihn herum alte Fruchtquetschen und Pommesstückchen. Handy rausholen ist zu peinlich. Da wird man ja schnell abgestempelt, also blicke ich leer in Richtung Gummiinsel und falle ob der wackelnden Luftritterburg schon bald in Trance. Die Luft, sie riecht so gut nach alten Socken und Kinderpups.

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