Neun Grad der Überheblichkeit.

Die Kotze kommt aus allen Löchern. Es findet sich immer ein Grund. Kein Parkplatz in der Innenstadt, Sale verpasst, Kollege scheiße, Freundin eine Idiotin. Zugegeben: Ich benutze bisweilen auch häufiger das Wort „Kotzen“. Wäre übermorgen 15-jähriges Abitreffen, ich könnte problemlos auftauchen und etwas von: mein Haus, mein Auto, mein Job, meine Kinder faseln, mich als modebewusste Großstädterin fühlend durch den Raum schweben und freundlich nickend und „Aha“ sagend die Lebensläufe der anderen bewerten. Was zum Blenden hätte ich da. Und die anderen sicher auch. Der freundliche Austausch von dem, was man erreicht hat, darum geht es doch. Ein Statusabgechecke, mit dem Ziel, am Ende genauso angepasst wie alle anderen zu sein und sich doch nicht so zu fühlen. Abends im Bett mit dem Ehemann resümieren, einmal mit dem Kamm durchgeschoren – er kennt zwar niemanden, von dem ich erzähle, aber seien wir doch mal ehrlich, das sind doch überall die gleichen. Die Annika, die wohnt immer noch bei uns da in der Gegend, oh man, ich könnt‘ das nicht. Ein bemitleidendes „Hm“ stößt es aus mir heraus, ich denke nach, nicht mehr über Annika, längst über Lars, der hat ja immer noch keine Kinder und wohnt die meiste Zeit des Jahres in Australien, also das ist ja alles ganz spannend, aber wenn wir mal ehrlich sind, dem fehlt doch dann was, der verpasst gerade, den nächsten Step zu machen. Und die Britt, die hat echt drei Kinder, wie krass, und so nah beinander, die hängt ja wohl auch nur zuhause rum – strange. Was sind die alle normal. Obwohl, die wollen doch auch alle nur leben.

Ich war nie ein Freund von Boygroups, diesen geleckten Schwiegersöhnen mit ihren Luft-Muskeln und weißen Zähnen. Und Outfits, die ihre Charaktere widerspiegeln. Und Songparts, die ihre Charaktere widerspiegeln. Über meinem Bett hing der King of Pop, ein vom Vater in den Ruhm geprügelter Schwarzer. Und die Kelly Family, eine Familie ohne festen Wohnsitz, die sich mit Folklore Musik über Wasser hielt und deren heile Welt durch den frühen Tod der Mutter tief erschüttert wurde. Und ich mochte Christiane F.. Und als einer mal einen Stuhl durch unser Klassenzimmer schmiss, fand ich das cool. Ich war schon immer fasziniert von welchen, die was aushalten mussten, zum Straßenseite-Wechseln, auf keinen Fall aufn Kaffee mit denen treffen. Zu dubios, ist ansteckend. Im Bus setzt man sich weg, in die letzte Reihe: besser nie. Bestimmt fing das alles mit Pippi Langstrumpf und Hotzenplotz an. Kann ich ja nix für, wenn mir pausenlos Idole zeigen, wie man Gesetzte übertritt. Da hat der deutsche Hiphop der 90er dann dankbar nur noch den Schlüssel rumdrehen müssen, der ohnehin schon im Schloss steckte. Und zack, die Tür war auf und dahinter machten alle, was sie wollten, das Gesetz – das waren wir. So oder so ähnlich habe ich auch schon früh meinen Freundeskreis zusammengestellt. Zur großen Freude meiner Eltern. Nachvollziehbar. Das war vor zwanzig Jahren. Und jetzt kann ich eine Schablone über mein Leben legen und sehe eine Vita voller gelungener Entscheidungen, die in einem Einfamilienhaus am Stadtrand mit Mann und Kindern endeten. Nicht, dass das nicht alles furchtbar komfortabel wäre. Aber ich bin kein Fan von Kinoabenden mit selbstgepufftem Popcorn, dreimal im Jahr Abenteuer-Urlaub und ansonsten Beschäftigung durch Alltagsstress. Mir reicht das nicht. Aber ich sehe auch ein, dass es für ein Leben als Vagabund zu spät ist. Es kann ja nicht jeder als Duke und Gonzo durch die Wüste fahren. Vielleicht reicht es ja schon, diese gut aufgebaute Tarnung für einen Ausbruch zu nutzen. Immerhin fragt keiner mehr danach, ob du dein Leben in Griff hast, wenn du dich als lebenszeitverbeamtete Mutter deinem geregelten Alltag hingibst. Das muss der Grund sein, warum so viele Bankvorstände zugekokst Nutten vögeln. Und wenn es dann mal rauskommt – passiert ja immer mal – dann, ohho, uiuiui – das ist ja ein wilder Vogel, wer hätte das gedacht! Weil eigentlich besucht ja niemand Prostituierte und es schaut auch niemand Pornos. Gott bewahre! Bei der Gelegenheit, eine Anekdote noch zum Schluss. Meine beschwiegerte Großmutter, mit der waren mein Mann und ich mal im Urlaub, auf Grand Dames Kosten. Wir erlaubten es uns damals einen Drink in der Hotelbar zu nehmen, einen Gin Tonic, nicht ganz billig, vielleicht waren es auch zwei, also zusammen dann vier und noch ein Bier zum Abschluss – jedenfalls legte man ihr dann am Tag der Abreise eine Rechnung vor. Es gab ein wenig Schwierigkeiten, die entstandenen Kosten zu erklären und der Herr hinterm Tresen dröselte das dann alles nochmal fein auf. Er kam dann auch auf die Sache mit der Bar. Es ging gar nicht um das Geld. Es ging um die Bar. „Ä Bar? Isch geh doch in kää Bar!“, pfälzer Dialekt, ihr habt es sicher gehört. Denn Bars, das weiß man, sind Orte an denen man sich nicht aufhält. Wo barbusige Revuegirls in knappen Faltenröcken  und Strumpfhaltern auf den Tischen tanzen und danach Drinks für Halbwelthalunken kredenzen. Die ganze Heimfahrt war sie beleidigt. Sie hätte gesagt: enttäuscht. Als meine Mutter damals erfuhr, dass ich, statt bei einer Freundin zu übernachten, die ganze Nacht im Club verbracht habe, ging es ihr ähnlich. Eine Bar wäre kein Problem gewesen. Stimmt nicht. Ehrlichkeit, wäre kein Problem gewesen. Aber in den Club hätte ich trotzdem nicht gedurft. Deswegen habe ich ja nicht gefragt. Die Annika, die war nie im Club. Die geht in Bars. So wie die normalen strangen Leute das tun. Aber nicht so, wie die Schwieger-Oma denkt.

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