Vergolde deine Zeit

Wisst ihr, mit wem ich gern mal in einer Talkshow säße: Jan Böhmermann, Benjamin von Stuckrad-Barre und Yung Hurn. 

Böhmermann: „Oh, ich habe Sie gar nicht gesehen, meine Damen und Herren!“

Barre: „Darf ich mir was zu Trinken anbieten?“

Hurn: „Darf ich Ihnen Wasser eingießen, Herr Barre?“

Barre: „Zu gerne. So. Was machen wir jetzt?“

Kameras auf uns gerichtet, alle in bester Verfassung. Illustres Geplapper im üblichen TV Format, Spartensender, 23:30 Uhr. Später, im Backstage, noch ein-zwei lockere Worte miteinander gewechselt, ein bisschen cool herumgestanden. Einer musste dann los, ich auch. Will ja schließlich nicht den Eindruck erwecken, ich hätte Zeit oder gar Lust noch zu bleiben. Also verabschiede ich mich.  Und dann, berauscht vom immer noch nachwirkenden  Lampenfieber, nach Hause. Zur Beruhigung und auch als kleine Wiedergutmachung für meine Nerven, gönne ich mir noch einen Gin-Tonic und lasse „Nas is like“ von Nas extralaut laufen. „Ask me now, I’m the artist, but hardcore, my science for pain.“ Und aller guten Dinge sind drei Gin und was mache ich dieses Jahr überhaupt an Silvester? Ein neues Jahr einläuten, na klar, da bin ich gerne dabei – Pauken und Trompeten war schon immer meine erste Wahl, wenn es um Feste ging. Nun liegen da oben zwei kleine Kinder im Bett, ich greife dann doch, der Vernunft halber, lieber zur Geige statt zur Pauke und einige mich mit mir selbst auf: zuhause bleiben. Es wird gekocht und, so will es die nun bald sieben jährige Tradition, ein privater YouTube-Song-Contest gestartet: jeder tritt an, mit seiner ganz persönlichen Best-of-Hitliste und abwechselnd ballern wir uns, auf Zimmerlautstärke, unsere Tracks um die Ohren, es gibt Sekt, Luftschlangen und Bleigegieße, „Ach, hast du auch schon wieder das Spermium? Du musst es schneller hineinschütten! So, wird das nichts.“. Ich verteile beherzt Konfetti und umwickele alle Lampen mit Luftschlangen und zwischendrin switchen wir immer mal wieder rüber zur Sendung vom Brandenburger Tor. Ein wenig Glamour hier im Wohnzimmer. Die große weite Welt, wie lange Träume ich eigentlich schon von der? Träum weiter. Und überhaupt jetzt noch vom Träumen anzufangen, das ist schon reichlich spät. Hat man sich erstmal selbst festgenagelt, an einem Ort oder einer Sache, einer Familie, da ist das doch Quatsch. Man müsste ja sicherlich so allerlei Kräfte aufbringen, ich meine, so einen ganzen Hausrat von A nach B, Ummeldung der Kinder, Telefon, Adresse und dann erst dieses ganze Rechtgefertige und Abschiedgenehme, womöglich noch eine Abschiedsparty, wen lädt man da eigentlich ein? Das gibt doch nur wieder Verwerfungen. Warum man denn gehe, aber toll sei es ja schon, diesen Mut zu haben, man komme dann mal vorbei. Warum man eigentlich so gerne etwas Neues anfangen will, das Spannendere tun, als jetzt, das Andere eben, weiß man das? Oder ist es einfach das übliche Gewünsche von dem Leben dort auf der anderen Seite des Zauns, das grünere Gras, das vollere Glas? Ich woanders, das hätte so schön sein können, so anders, vielleicht wäre ja dann doch das aus mir geworden, was ich eigentlich werden wollte, wären da nicht so viele Dinge zu tun gewesen, die ich erst hatte tun wollen müssen. Und nun steht man da, vier Wände und ein Dach. Und dieser alte Spruch: alles unter Dach und Fach – so hatte man das ja auch schließlich gewollt. Ein bisschen plemplem. Also machen wir alle das Beste draus, immer nur wünschen, „was wäre wenn“, wo kämen wir da bloß alle hin? Am Ende noch weit? Aber käme jeder weit, dann wäre weit ja plötzlich nah. Da könnten wir ja alle gleich daheim bleiben. Nicht auszudenken. Wir denken uns besser nichts weiter aus, wir tun das, was schon immer das Richtige war: demütig dankbar sein. Ist ja nicht verkehrt! Und der Jahresrückblick verrät es dann auch: der Laden läuft, don`t  disturb a running system. Also chinchin – aufs neue Jahr! Auf das, was ist. Denn was ist, das war ja einst, vor vielen Jahren, für uns auch noch fern und in unseren Träumen glänzend und golden. Und jetzt, wo wir da sind, da sollten wir es uns wenigstens manchmal gemütlich machen, das Beste draus, wie man so schön sagt. Und das Beste,  das ist doch immer gold. Doch irgendwie ist der Glanz wie immer einen Schritt voraus, es schimmert in der Ferne, da hinten, ganz weit, wie der Horizont auf dem Meer – da noch schnell hin. Das goldene Licht, wir werden es nie zu fassen bekommen, ist es doch immer nur der Wiederschein einer zündenden Idee. In der Silvesternacht prickelt sich der Prosecco durch meinen Verstand. Ich gieße berauscht Spermien aus Blei in mein Becherglas, warte auf Netz, um die affigen Neujahrswunschbilder weiterzuleiten und wundere mich über Raketenabfeuerer vor null Uhr. In den Pailletten meines Kleides spiegeln sich die Videos meiner Idole, ich trampele euphorisch Chips zu kleinen Krümeln, irgendwie ist es ja dann doch immer ganz witzig, hier zuhause. Und dann um Zwölf, endlich ist es da, das neue Jahr. Ein Countdown der Nation, alle zusammen, wir. Ich werfe beherzt ein paar Knallerbsen aus dem Fenster und nehme mir besser nichts vor. Wo käme ich da wohl hin? Am Ende noch weit. 

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