„Komm‘ wir geh’n in eine Gasse und wir kiffen“ (RIN)

Ich war damals in der Cannabisgruppe. Die anderen hatten: Speed, Kokain, LSD und Heroin. Ein Referat. Wirkung auf den Körper und so weiter. Dann noch ’ne taufrische, schwarze Lunge auf den Tisch geklatscht bekommen, in Deutsch parallel „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen und fertig war die Drogenaufklärung der 90er Jahre. Verstörungstaktik, harte Abschreckpropaganda. Drogen, das fände abseits der Normalität, in Rotlichtbezirken und Gangstermilieus statt, machte man uns weiß. Irgendwelche Rap-Idole mit gymnasialem Hintergrund faselten uns was von einer „Grünen Brille“ vor, wir fanden das spannend und cool, der Gegenentwurf des Lehrertenors. „Bianco, Brudi, Dari will es immer zieh’n, probierst du einmal, bist du für immer verliebt“, sagt Yung Hurn heute und gibt damit wenigstens zu, dass Koks süchtig macht. Immerhin. Das brandheiße Idol der Teenies brüllt es quasi in jedem Track hinaus: „Try it!“. In den Niederlanden subventioniert die Regierung einen YouTube Kanal namens „Drugslab“, in dem drei junge Leute verschiedene Drogen ausprobieren. Nach dem Motto: „Wir probieren es für euch, dann müsst ihr es nicht tun.“ Sie gehen sogar in Schulen und reden mit den Schülern über Drogenkonsum und sprechen sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen aus. Das Thema ist präsent und überall – es also als Randphänomen abzutun: unglaubwürdig, voll 90er. Und eine Generation von zwanzig- bis dreißigjährigen macht so ziemlich alles zum Rauschmittel, was es als solches hergibt: Xanax, Codein, Keta. Alles Begriffe, die es „zu meinen Zeiten“ nicht gab. Heute gibt es so viele Drogen wie Comupterviren, immer neue Varianten, neue Namen, neue Inhaltsstoffe. Damals galt: Einstiegsdroge Haschisch, dann etwas wie Extacy oder Speed, dann der Griff zum Koks und schließlich, unweigerlich kommt es, das bittere Ende: Heroin und Tod. Genau in dieser Reihenfolge, warnte man uns, führe die Rolltreppe der so genannten Drogenkarriere hinab. Und setze man nur einen Fuß auf die erste Stufe, sei die Fahrt nach unten unaufhaltsam, aber zumindest war sie übersichtlich. Heute wird der Markt überschwemmt, eine Orientierung ist schwierig und für Jugendliche kaum möglich. Das macht das Unterrichten darüber nicht gerade einfach, man muss also ganzheitlicher an die Sache herangehen, anstatt wie früher jede einzelne Droge auf ihre Gefahren hin zu untersuchen. Es braucht eine Darstellung des Mechanismus, der hinter allen Drogen gleichermaßen steckt. Etwa so: Du konsumierst etwas, was dir im ersten Moment richtig Spaß macht und nimmst damit in Kauf, das schlimmste Tief deines Lebens zu erleben und Gefahr zu laufen in eine Abhängigkeit zu rutschen, deinem Körper zu schaden. Das muss jedem klar sein. Das sind zwei Seiten einer Medaille, die eine glänzt, die andere stinkt. Drogenkonsum ist illegal, es kann dich in Schwierigkeiten bringen, mit denen du dein Leben verbaust. Das obendrein. RIN sagt: „Einer Weißwein, einer schmeißt Es, ich hab mit dem Scheiß kein Problem.“ Kein Problem, alles easy. „Deine Freunde ziehen, meine Freunde auch, bisschen chill`n und so, Kokain und so, bunte Pillen und so, wie wir sind und so“ (Y. Hurn). Ja, wie ihr seid und so. Und wie sind die anderen so? Wir sprechen hier über Dinge, die dem Gehirn zunächst einmal gut gefallen, dann aber, aufgrund des Gewöhnungseffekts an den Synapsen, zu einer Sucht werden und Schaden anrichten, das ist Fakt. Drogenkonsum endet aber genauso wenig sicher in der Gosse, wie exzessives Arbeiten im Burnout. Es besteht lediglich das Risiko. Thema muss also auch sein, dass es vor allem die Extreme sind, die problematisch sind, bei Drogen, aber genauso bei der Arbeit, dem Essen oder Sport. Das klingt nun vielleicht nach einem Appell über einen „verantwortungsvollen Konsum“ zu sprechen und nur vor einem „exzessiven Konsum“ zu warnen, wie die Niederländer es tun. So ist es nicht gemeint. Ich würde jedem Schüler davon abraten, Drogen zu nehmen. Mein Rat wird es aber nicht verhindern. Vielmehr müssen wir den Schülern zutrauen, sich bewusst gegen Drogen zu entscheiden, auch ohne, dass wir eine schillernde Warnweste überstreifen. Wenn junge Stars wie eben Hurn, RIN, UFO361 usw. offen über den Konsum harter Drogen rappen, es Kanäle wie Drugslab gibt oder während des Wilhemstraßenfests hier in der Stadt der Kokainspiegel im Abwasser nachweislich steigt (und das liegt an den Erwachsenen), müssen Jugendliche eine Chance bekommen, sich frei und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse über dieses Thema mit Lehrern/Erwachsenen zu unterhalten, ohne, dass diese sich dabei verklemmt von Ideologien leiten lassen. Auf diese Realitäten sollte man adäquat reagieren, wenn man sich nicht komplett lächerlich machen will. Diese Woche habe ich mit zwei Klassen über Drogen gesprochen, es war noch nie so leise wie in diesen zwei Stunden. Da ist ein großer Wissensdurst, lasst ihn uns stillen und nicht ertränken.

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