Ein Jahr Schule schwänzen.

Vor wenigen Woche wurde unsere Tochter eingeschult. Davor wurde geschwänzt. Letztes Jahr wollte sie einfach nicht hingehen, und wir haben gesagt: ok. Also spielte sie noch ein Jahr Einhorn im Kindergarten und hat gar keine Ahnung, dass dies vielleicht die erste richtig große Entscheidung ihres Lebens war. Sie ist jetzt immer eine der Ältesten in der Klasse. In der Pubertät bedeutet das: sie wird früher reif sein als ihre Klassenkameradinnen und vielleicht früher als andere in die Schule-ist-kacke-ich-mach-nicht-mehr-mit-Laune verfallen – das könnte natürlich (negativ) auffallen. Auf der anderen Seite wird sie sich an den Jüngeren orientieren und vielleicht nicht ganz so früh ein Handy haben wollen oder abends ausgehen oder Alkohol trinken. Maybe. Ist man ein Junikind, wie das große Mädchen, ist man immer kurz vor dem Stichtag geboren, an dem die Muss- zu den Kannkindern werden. Sie wäre damit immer eines der jüngsten Kinder gewesen. Diese Vorstellung fand ich von Beginn an schrecklich, da es bedeutet sich mehr anstrengen zu müssen, sich eher durchboxen zu müssen, früher den Einflüssen der Älteren ausgesetzt zu sein und auch früher mit Anforderungen konfrontiert zu werden, die man ein Jahr später mit viel mehr Leichtigkeit erledigen könnte. Das fängt im Sport an, wo man rein physisch unterlegen ist und hört im Deutschunterricht auf, wo man schlichtweg bestimmte geistige Anforderungen noch nicht erfüllen kann, aufgrund fehlender Reife. Es gibt zahlreiche Studien, die die Gehirne Jugendlicher untersuchen, und was immer wieder klar wird ist: das Gehirn befindet sich in der Pubertät in einem enormen Veränderungsprozess und diese Großbaustelle ist unter allen Umständen erst ab einem bestimmten Alter in der Lage, bestimmte Denkvorgänge vollziehen zu können. Da hilft also auch ein frühes Einschulen nicht und auch keine Nachhilfe – dem Gehirn ist das nämlich ziemlich wuppe, in welcher Klasse es gerade ist. Und ich weiß das natürlich doppelt genau, ich bin Biologin UND Lehrerin! Und ich war auch mal jung und hormongestört. Ich fand die Schule zwar nie so richtig schlimm, im Wald nebenan fand ich es aber trotzdem besser, als im Unterricht. Ratet mal, wo ich oft war?

Somit war das irgendwie keine schöne Vorstellung, dass mein Kind die nächsten 13 Jahre in der Rolle der kleinen Ich-muss-mithalten-und-hinterherhächeln-und-mich-doppelt-anstrengen-und-verstehe-machnes-trotzdem-nicht-Schülerin wäre. Das hört sich eher nach dem Gegenteil von Leichtigkeit und Lebensglück an. Ich wurde selbst mit (erst) sieben Jahren eingeschult, das war für mich prima, zumal ich dadurch im 10. Schuljahr noch heftigst rumpubertieren konnte, ohne dass es schon um die Wurst ging – ein Glück! Unser Mädchen hingegen wäre in der 11. Klasse dann gerade frisch 16 geworden – das ist ja mitten in der Pubertät!

Letzte Woche saß ich auf dem Schulhof mit einem Mädchen aus der fünften Klasse und hörte mir ihre Geschichte an. Sie wiederholt die 5. Klasse und findet es schrecklich. Warum, fragte ich sie. Und sie erzählte von Freundinnen und Cousinen, die jetzt alles besser könnten als sie. Alles. Und wie ich auch argumentierte, es war ihr nicht auszutreiben, der Gedanke des Gescheitertseins. Unabhängig von allem anderen: für das Mädchen ist es eine Katastrophe. Von Pädagogen wird das Sitzenbleiben oft als harmloses Instrument der Situationsverbesserung gesehen, aber was bedeutet es für das Kind? Es bedeutet: ich bleibe zurück, alle anderen gehen weiter, ich bin nicht gut genug, alle anderen schon, ich habe versagt. Was ein grässliches Instrument unseres Schulsystems. Kaum eine schulische Erfahrung, und schon gar kein Lerninhalt, wird sich so in das Gedächtnis eines Menschen einprägen, wie diese, ist sie doch verknüpft mit genau jenen Elementen, die unser Schulsystem mit Erfolg belohnt: Wettkampf, Vergleich, Zensuren. Belohnung gibt es dann, wenn du in diesem Gefüge vorne mitspielst, scheitern wirst du dann, wenn du nicht mithalten kannst, weil du vielleicht zuhause kein stabiles Umfeld hast, weil du vielleicht überfordert bist, weil du vielleicht einfach noch nicht soweit bist. Ein Jahr später bist du es dann, aber dann hast du gelernt, dass du versagt hast und scheiterst vielleicht an den Dingen, die dir sonst gut gelungen wären. Auch davor hatte ich Angst. Natürlich sind wir vor einer solchen Erfahrung nicht per se geschützt, nur weil wir die Schule nochmal um ein Jahr verschoben haben, aber es wird unwahrscheinlicher. Und deswegen bin ich meinem Mädchen sehr dankbar, dass sie es für sich entschieden hat, einfach vor der Einschulung sitzen zu bleiben. Aus eigenem kindlichen, kerngesunden Willen und Überzeugung und ohne das Gefühl, versagt zu haben. Sie hat es wohl gespürt, dass es zu früh für die Penne ist. Und ihre Erzieher und ich haben das genauso gesehen und haben also ihrem Gespür nachgegeben. Die Sache mit dem Ernst des Lebens, die wird einem das erste Mal doch dann gesagt, wenn man mit der Schultüte in der Hand, adrett gekleidet für den Fotografen lächelt und danach in seine große Brezel beißt, ohne aber die leiseste Ahnung davon zu haben, was die Erwachsenen damit überhaupt meinen. Aber gespürt haben wir es doch alle, das da etwas Großes auf uns zu kommt, das ziemlich wichtig ist. Unser Mädchen hat den Ernst des Lebens damals vertagt und sagte abends zu mir: „Nächstes Jahr werde ich sechs und dann gehe ich immer noch nicht zur Schule.“ Stimmte nichts ganz.

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