Ein Brief.

Meine liebe Tochter,

du bist jetzt 17 Monate alt. 17 Monate voller Vernachlässigung, voller versäumter Chancen. Du kannst nicht mal annährend eine Sprache, ich habe bisher keine besonderen Talente in dir entdeckt, dich nicht zum Musikkurs angemeldet und bin auch nicht mit dir im Babyschwimmen gewesen. Wir lagen die ersten Monate nur zusammen im Bett. Und ich habe mir noch keine Gedanken über deine schulische Laufbahn gemacht. Sehenden Auges und trotz bester Bildung verspiele ich deine Chancen, später eine der großen Playerinnen zu werden, denn ohne Sprachen, Sport, Musik- und Kunstkursen fehlt dir schlichtweg die Basis. Und ohne die wirst du gegen deine gut aufgestellten Altergenossen keine Chance haben. Es tut mir Leid. Ich fördere dich nicht. Außerdem lasse ich dich manchmal ein paar Minuten alleine in deinem Zimmer, lasse dich deine Hand im Zoo weit zum Maul der Ziege hinstrecken und stehe auf dem Spielplatz nicht hinter dir, wenn du am Gerüst hochkletterst. Ich riskiere Stürze, Wunden, Tränen, aber ich tröste dich. Ob es nach der Schule zu spät ist, dich zu trösten? Wenn du weinend vor mir stehst und nicht zu den besten gehörst? Wenn das Ergebnis meines Nichtförderns ein nur ein passabler Realschulabschluss ist? „Selbst Schuld!“, werden alle sagen, die ich in unserem Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt habe. In der Pause stand mir damals eine von ihnen bauchstreichelnd gegenüber uns sagte: „Mein Kind werde ich auf dem *** Gymnasium anmelden, das ist das einzige Gymnasium, das ab der 5. Klasse schon zweisprachig beginnt.“ Ich habe damals nicht darauf geantwortet. Ich habe deine Zukunft nicht geplant, die darfst du selbst planen, denn dein Leben, das gehört ja dir, ich passe nur gerade noch ein bisschen auf dich auf. Und weißt du, all diese Dinge tue ich nicht, weil ich dich nicht lieb habe oder weil ich du mir egal bist. Sondern weil ich dich sehr lieb habe und dich achte als Person, die du bist und noch wirst und weil du mir nicht gehörst und ich dir nicht meinen Plan vom Leben aufdrücken kann. Hoppla, können tue ich das natürlich schon, aber ich habe mich dagegen entschieden, deine Freunde für dich auszuwählen, deine Talente und Vorlieben festzulegen, weil ich es dir zutraue, es selbst zu tun. Du bist ein Kind, dem man zweifelsohne den Stempel „Aus gutem Hause“ aufdrücken könnte. Deine Eltern sind Akademiker, sie wohnen in einer netten Gegend, haben Akademikerfreunde, informieren sich täglich über das politische Geschehen, gehen zur Wahl, kaufen bewusst ein, haben ein Auto, eine Arbeit und du ein Zimmer, ein paar schöne Spielsachen und hübsche Kleidung. Unterm Strich: deine Welt ist in Ordnung, du bist gefestigt. Wer, wenn nicht du, muss also doch selbst herausfinden können, was du kannst und wer du sein willst. Du kannst das. Deine große Schwester ist jetzt fünf und bei ihr habe ich es genauso gemacht. Und sie tut bisher nichts als spielen und einmal pro Woche turnen. Das war’s. Und ansonsten übt sie sich in Empathie, im Teilen, im Abgeben, im Verschenken, im Vorlassen, im Mitspielenlassen und im Gönnen. Das sind richtig schwierige Dinge und sie arbeitet sich sehr daran ab, es beschäftigt unsere ganze Familie und es braucht Raum und Zeit dafür, was ihr zwischen Ballett, Reiten, Turnen, Englisch und Schreibnachmittag fehlte. Und auch uns Eltern verlangt das viel ab, es ist jede Fähigkeit für sich ein anstrengender Weg und ich hadere oft und es nervt mich, wenn sie trotzdem wieder nicht abgeben kann. Aber dann gelingt es irgendwann und ich bin stolz auf sie und mich, denn wenn ich mir überhaupt mal für irgendetwas auf die Schultern klopfen können will, dann ist es dafür, dass ich zwei gute Menschen aus euch gemacht habe. Menschen, die Rücksicht nehmen, die sozial sind, die Gutes tun wollen, die einfach Herzmenschen sind. Darauf bin ich dann stolz und für alles andere, wofür ihr euch entscheidet auch – Hauptsache ihr seid glücklich und fühlt euch frei. Und ihr Beide werdet euren Weg neben manchen gnadenlosen Einzelkämpfern trotzdem gehen. Denn irgendetwas tief in mir sagt mir, dass ihr mit diesen Fähigkeiten am längeren Hebel sitzt. Gelassen bleiben können, auch bei Note 3 oder 4 oder 5, das wünsche ich mir für euch, denn ihr würdet euch vieles kaputt machen, wenn ihr euch darüber definieren und glauben würdet, Schulnoten sagten etwas über euer Wesen aus. Nur damit ihr es wisst, ich messe euch nicht an Noten, an Fähigkeiten, an Strebsamkeit, ich will einfach nur, dass ihr glücklich seid. Also spielt und teilt und tut und lebt so lange ihr wollt und lernt dabei euch selbst und das Leben kennen und dann werdet ihr alles sein, alles außer Maschinen, denn ihr seid frei.

Eure Mama.

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