Also ich leb‘ auf’m Ponyhof, mit einer ganz wilden Stute

Ich habe ein Kind, das sehr viel Aufmerksamkeit braucht und sehr empfindlich ist. Ihm tut alles mehr weh, als anderen. Es muss länger getröstet werden, weint lauter und länger. Es findet vieles ungerecht und fühlt sich so oft benachteiligt: zu kleiner Teller, weniger Trinken, falsches Eis. Ihm ist vieles zu anstrengend: das Umziehen, das Laufen, das Rucksacktragen. Es ist ihm vieles zu schnell: wie wir laufen, das Fahrrad, das Auto. Es hat vor vielem Angst: dem Alleine-hoch-ins-Zimmer-gehen, dem Alleine-im-Wohnzimmer-auf-mich-warten, dem Morgens-aus-dem-Bett-aufstehen und runterkommen. Ihm ist es oft zu warm: Im Auto, der Pulli, der Sommerabend. Oder zu kalt: beim Schlittenfahren, im Supermarkt, im Wind. Ihm ist es ständig unbequem: Die Hose rutscht, die Sitz pikst, die Mütze drückt. Und es teilt es mit. Es will Hilfe, will, dass es anfängt oder aufhört. Es ist ungeduldig, mag keine Brettspiele, kein Basteln, kein Autofahren – nur Phantasiespiele. Es braucht Publikum, will alles zeigen und gesehen wissen. Es ist schnell beleidigt, wütend und verzweifelt. Und ich stehe da und höre all das, sehe ihm zu. Höre es rufen, schreien, befehlen, schimpfen. Und kommt mir jetzt nicht mit irgendwelchen Tricks und Tipps. Bei meinem Kind funktioniert es mit euren Tricks nicht. Hier lässt sich die Angst in keine Kiste sperren, das Wutmonster nicht besänftigen und wegstempeln. Egal, den wievielten Text ich über achtsame, verantwortungsvolle Erziehung auch gelesen habe und wie sehr ich über alle Grenzen meiner Belastbarkeit hinausgegangen bin, um meinem Kind mit Verständnis, Aufmerksamkeit und Ruhe zu begegnen, innerlich bis 10 zu zählen, zuzuhören und zu beobachten: es hat nicht geklappt. Viele Wege führen nach Rom, sagt mir nicht, welche angeblich zu meinem Kind führen. Ich habe hier meine ganz eigene Lebensaufgabe bekommen. Und ich weiß es vor allem deswegen ganz genau: ich habe zwei Kinder und bei dem anderen, da klappen all diese Tricks. Es klappt einfach. Aber sie sind nicht universal, sie sind nicht d i e Lösung. Das ist gut für mich zu wissen, denn ohne diese Erfahrung wäre ich für meine Begriffe als Mutter gescheitert, da komplett unfähig. Ich bin nicht unfähig, ich bin bemüht. Stets bemüht. Und manchmal enden unsere Tage mit vier zufriedenen Menschen im Bett und manchmal grübeln sich vier aufgewühlte Menschen in den Schlaf, weil wir hier unseren ganz persönlichen Chaostag hatten. Und ich rede hier nicht von schokoverschmierten Wänden und Wäschebergen, Sandhaufen auf der Couch und unterwassergesetzten Kinderzimmern (ist ja niedlich). Wenn es nur das ist, was einen anstrengenden Tag ausmacht, dann reden wir von verschiedenen Dingen. Ich rede von zwischenmenschlichen Vibes. Dafur hat mein Kind ein Händchen – sowohl positiv als auch negativ. Gäbe es einen Intelligenztest für Emotionen, ich hätte wohl einen Einstein zuhause. So ist das. Also, liebe Mamas, die sich jetzt hier angesprochen fühlen: be proud and don’t blame yourself, ihr habt ganz besondere Kinder geboren! Und ihr werdet schon sehen, die blühen später besonders bunt und lange.

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