Hartweizenkrise.

Wenn für ein Nürnberger Bratwürstchen extra der Grill angezündet wird, ist das unverhältnismäßig. Wenn zwei Erwachsene auf 250qm wohnen, ist das unverhältnismäßig. Und wenn von einem Löffel nur eine einzige Nudel runterfällt und den Boden mit Pastasoße sprenkelt, ist das halt so. Für meine Tochter ist das ein willkommener Anlass auszurasten. Wutmonster are a girl’s best friend. Alle sind Schuld. Vor allem die Nudel und ich. Das finde ich dann völlig unverhältnismäßig und je nach eigenem Stresslevel entweder ok oder zum Kotzen. Aber egal, wie ich es finde, schaltet sich jedes Mal in meinem verschachtelten Oberstübchen das Kurzzeitgedächtnis an und funkt mir ein Potpourri aus Dingen, die ich der Lektüre der Tageszeitung entnommen oder etwa im Radio aufgeschnappt habe. Heute bestand mein Kopffunk während verschiedener neuronaler Explosionen meines Kindes, die ihren Ursprung etwa hatten in: Die Pizza ist kalt geworden, die Pferdeshow gibt es nicht auf DVD und die Haare ziepen beim Bürsten, aus den Meldungen: In Mosambik gehen nach dem Zyklon Hunderttausende vor die Hunde, auf diesem Campingplatz wurden noch mehr Kinder missbraucht und der Verbrauch von Antibiotika ist in den letzten Jahren um 65% gestiegen. Diese zwei Bilder legen sich dann vor meinem echten und dem inneren Auge zusammen und ergeben eine verdammt nochmal sehr große Unverhältismäßigkeit! Es ist eine Nudel unter den Tisch gefallen. Scheinbar kind of young girls issues. Wenn du wüsstest, denke ich dann! Aber auf der anderen Seite hören wir Erwachsenen ja auch nicht auf, uns über die ausgefallene S-Bahn oder faulen Feldsalat zu ärgern, nur weil wir wissen, dass jemand anderes gerade einen Bottich braunes Wasser kilometerweit durch die Hitze schleppt. Oder mit bloßen Händen mein nächstes Shirt färbt. Oder so. Es änderte also nichts, wüsste sie. Vielleicht wären Kinder damit sogar nicht mal so überfordert wie ich es bin. Wie wir alle?

Wir verkorksten Erwachsenen entkorken ja nicht grundlos abends Wein. In irgendwas muss man den ganzen Müll ja einweichen, den wir tagsüber aufschnappen und runterschlucken. Wir vertagen unsere Krise auf den Abend. Das muss es sein, was uns zu Erwachsenen macht. Aktuell zu lösen ist also hier die Nudelkrise, ich versuche es mit Verständnis. Mütterlichst wische ich also dem bekleckerten Kind die soßenverschmierten Hände rein, suche und finde die Nudel und lege sie zurück in die Schüssel. Oder wärme die erkaltete Pizza im Ofen auf oder erkläre, dass die Pferdeshow bestimmt bei YouTube zu finden ist. Alles für das Seelenheil dieser eigentlich noch so seelenheilen Kreaturen. Die Geduld habe ich aber nicht immer, wenn mein Kopf mir hungrige Kinder auf Hausdächern funkt. Dann reagiere genervt und werde laut. Und am Abend, wenn die Kinder schlafen: Gruß vom schlechten Gewissen, denn auch das ist unverhältnismäßig gewesen – von mir. Ja klar. Immer schön im Kreis, lieber Kopf. Ich entkorke meinen Wein, lege mich auf den Wohnzimmerboden und ertrage, was ich weiß. In Relation betrachtet, ist das total verhältnismäßig, rede ich mir ein und mit der Zeit, glaube ich es sogar.

4 thoughts

  1. Du hast meinen Alltag gruselig passend in unfassbar schöne Worte gefasst und ich weiß nicht, ob ich mich ertappt oder verstanden fühlen soll. Kleiner Drei und so.

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    1. Ach, ertappt und verstanden! In mir gärte das Thema schon länger, ich wusste nur lange nicht, wie ich es sagen soll. Mir fällt es fast täglich schwer diesen Widerspruch zu ertragen. Aber es hilft ja alles nichts.
      Ich freue mich, dass ich auch dein Gefühl getroffen habe, manchmal hilft das ja schon beim Aushalten 🙂

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