Arbeit isst das halbe Leben. Gebt acht, Genossen!

Es gibt etwas, das man, so hoffe ich, nicht als Trend bezeichnen kann. Es tritt schleichend hier und da schon in Erscheinung und es begegnete mir thematisch so auffällig häufig in den letzten Wochen, dass ich nicht mehr drum herum komme. Es sind Einrichtungen, in denen man sein Kind, flexibel, 24 Stunden lang, sprich auch über Nacht, abgeben kann, um zu arbeiten. Schnuller, Strampler, Kuschelhase – muss reichen für eine gesegnete Nacht. Gut, finden das die einen. Die, die beispielsweise einen Job haben, in dem Nachtdienste abzuleisten sind. Das betrifft Krankenhauspersonal, Rettungssanitäter oder Altenpfleger. Oder auch Leute, die nachts auf die Kinder anderer aufpassen. In diesen Fällen fassen es manche Eltern als Erleichterung auf, das Kind flexibel in der Kita lassen zu können. In der ARD Dokumentation „Wenn Eltern nachts arbeiten“, fordert ein Elternpaar, dass die Gesellschaft ihnen Dankbarkeit dafür entgegen bringen müsse. Schließlich opfere man sich im Dienste der Gesellschaft auf und rette Leben (beide Rettungssanitäter). Und das sei beiden Eltern so wichtig, dass ihr 11 Monate altes Kind Ida eben auch mal 14 Stunden in der Kita bleiben müsse, oder über Nacht. Runzele an dieser Stelle nur ich die Stirn oder übertreibe ich, wenn ich das Abhandengekommensein des gesunden Menschenverstandes attestiere? Wie weit sind wir bereit zu gehen, für den Identitätsstifter Nummer 1 im Leben? Unseren (Lovemy)Job? Zeitdiktat bis an die 24 Stundengrenze? Ist das die Antwort der Politik auf die geforderte bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Eine andere Mutter erzählt von Beleidigungen ihr gegenüber, da auch sie schon vor Jahren die nächtliche Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder nutzte, um ihrem Erwerb nachzugehen. Schön und gut, kann man dazu ja sagen, aber an Beleidigungen würden mir da auch einige einfallen. Denn ich rede hier ja nicht mal von der Sache aus Kindersicht! Sagt der Bewerber zum Chef: „Mein Kind ist flexibel und anpassungsfähig. Es kann immer dann in die Kita gehen, wenn ich auf Schicht gehe.“ Ist den Beteiligten dieses Dienstleistungszirkusses eigentlich klar, dass diese so genannte Flexibilität, eben jene auch von den Kindern verlangt? Und dass diese Flexibilität, abgesehen von den langen Betreuungsphasen und Übernachtungen auch unregelmäßige Betreuungszeiten bedeutet? Das heißt auch immer unterschiedliche Erzieher, Kinder und Abläufe, und das in einer ohnehin schon fordernden Kitasituation! Haarsträubend!
Derzeit sind diese 24 Stunden Kitas noch ein Exot unter den Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sie stellen eine Ausnahme dar, die aber in verschiedenen Kommunen und Landkreisen (und in den letzten Jahren sogar vom Bund) angestrebt und gefördert wird. Ein modernes Modell zur Erleichterung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das wir eine bessere Vereinbarkeit brauchen steht außer Frage. Die Frage ist nur: wer muss dazu seinen Beitrag leisten? Die Arbeit oder die Familie? Wenn 24 Stunden Kitas zur Normalität werden, werden auch die Erwartungen an Eltern, Nachtschicht zu schieben zur Normalität. Schließlich gibt es die Option, das Kind auswärts unterzubringen. Wer da nicht mitmacht, hat den Job womöglich nicht mehr lange. Denn das Prinzip wird, und dafür muss man wohl kaum mehr als das kleine Einmaleins können, genauso funktionieren wie es schon heute in Punkto Bezahlung, Arbeitszeiten und Überstunden funktioniert: machst du den Job nicht, macht ihn halt ein anderer. Und jemand, der für seinen Job das Kind über Nacht abgibt, wird sich schon finden. Schließlich lebt man ja dafür. Den Job meine ich. Wollt ihr das, liebe jetzt schon 24 Stunden Kita Nutzer? Die individuelle Entscheidung diese Angebote zu nutzen sind ein klares Signal an Politik und Arbeitswelt! Ein Boykott ebenso! Es ist ein Statement für oder gegen das Prinzip! Und ich sage: Nicht die Familie muss sich an die moderne Arbeitswelt anpassen, nein, sie muss sich an die Familie anpassen. Sie sollte sich nicht nur anpassen, ich fordere ein Unterordnung! Und die kommt schon reichlich spät: Der mittlerweile standardmäßige, konsequente Kitabeginn ab dem ersten Lebensjahr, damit Mama wieder arbeiten gehen kann, ist das Maximum an Anpassung, die die Familie an die Arbeitswelt machen sollte. Bis hier hin und nicht weiter!
Ich freue mich für alle „Lovemyjob“er. Aber ich erwarte ein Mindestmaß an Respekt vor der Elternschaft, der frühen Kindheit und finde ein „Lovemyfamiliy“ sollte einen ebenso hohen, wenn nicht höheren Stellenwert haben. Wer sein Kind jubelschreiend in einer 24 Stunden Kita betreuen lässt, sollte bei aller Euphorie den Vertrag nicht vergessen, den er damit unterschreibt. Es ist die bedingungslose Aufgabe aller, vom Arbeitgeber einzufordernder Rücksicht auf Familien und ein Signal an alle anderen Arbeitgeber, Chefs, Politiker, Entscheider: seht her, das Angebot wird angenommen, es besteht eine Nachfrage. Das kann und wird zu einem Trend in Sachen 24 Stunden Kita führen und kann in wenigen Jahrzehnten den letzten Fetzen familiärer Selbstverständlichkeiten auch noch zerreißen. Dann sind wir da, wo die Sozialdemokratie vor über 120 Jahren angefangen hat. Jegliche Errungenschaften zum Schutze der Familie aufgeweicht und weggespült. Und ja, ich kritisiere dieses Lovemysanitäterjob Pärchen, das bereit ist, sich über alle Maße unterzuordnen, anstatt dieser absurden Verpestung familiärer Schutzräume die Stirn zu bieten. Ein schlichtes „Nein, zu diesen Zeiten bringe ich mein Kind ins Bett“ sind jetzt noch ein Argument. Noch.

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