Meine Kinder wachsen in den 90ern auf. I’m sorry for that.

Gestern war ich feiern und dann lief „Freed from desire“ von GALA, ich liebe es! Und es ist eine Zeitreise. Bei Serien, Filmen und bestimmten Marken geht es mir genauso: Gummibärenbande, Löffelbiskuit und ein Sunkist aus `m Kühlschrank, yeah, so sah doch die perfekte Nachmittagspause meiner Kindheit aus. Kinder der 80er, sie schwärmen alle vom Gleichen: Glücksbärchis, Pipi Langstrumpf, Alf und Fritt. Must-Haves. Oder Eiskonfekt, Diddl, Gameboy, Hubabuba, DJ Bobo, Disneyclub, Chip und Chap. Ja klar, das gehört alles dazu. Die Generation meiner Tochter wächst aber nicht ganz so einheitlich heran. Heute schaltet ja kaum einer mehr einfach den Fernseher an (wenn überhaupt vorhanden) und schaut mal, was läuft. Heute wird gestreamt. Auf der einen Seite ist das natürlich toll: jederzeit freie Wahl. Wir dürfen den mündigen Bürger mimen und abwägen, wann der Nachwuchs welche Inhalte zu Gesicht bekommt. Auf der anderen Seite heißt das, bei Mia läuft: Zoes Zauberschrank, Horseland und Feuerwehrmann Sam und bei den Pia: Michel aus Lönneberga, Sesamstraße und Sendung mit der Maus. Dazwischen liegen Welten und zum Teil locker 30 Jahre! Und es sind ja nur sechs Beispiele von, äh, tausend? Jederzeit ist alles verfügbar. Werden unsere Kinder später überhaupt gemeinsam auf einer Nostalgiewelle surfen können, so wie wir das tun? Ob das von Bedeutung ist? Für eine Generation? I don`t know. Und mir ist schon auch klar, dass es angesichts des Klimawandels und den unendlichen Rechtsrucken wichtigere Fragen gibt, als ob sich eine Generation im Erwachsenenalter angetrunken auf einer Party euphorisch die Hooklines ihrer Kindheitssongs entgegenbrüllen kann, aber für identitätsstiftend halte ich das schon. Meine Tochter tut mir manchmal fast ein bisschen Leid, denn was den medialen Konsum angeht, wächst sie in den 80er und 90er Jahren auf. Hihi, eigentlich gemein, aber sie denkt wahrscheinlich, dass das, was sie schaut, der aktuelle heiße Scheiß ist. Und dass die Biene Maja und Wickie Figuren so kantig gehören. Ich mag es, dass die Bilder nicht so derbe überfrachtet und Heidi nicht aussieht wie eine Mangafigur. Es erinnert mich natürlich an meine Kindheit, aber für meine Tochter ist es ja totaler fake! Sie hat noch nie „My Little Pony“ oder „Mia and me“ gesehen, eigentlich ist das hip bei denen, aber beschwert hat sie sich auch noch nicht, wenn ich ihr Löwenzahn angemacht habe. Und beim Radio geht das glatt weiter: wir hören morgens Internetradio, da gibts ja alles. Also machen wir das an, was uns gefällt, und das ist morgens immer das 80er oder (je nach Verfassung) 90er Radio. Unsere Kinder werden also ständig beschallt mit Haddaway, The Police und Tears for Fears. Später werden sie also bestimmt mal sagen: Oh, das erinnert mich voll an meine Kindheit! Strange, die Vorstellung, weil es mich ja auch an meine Kindheit erinnert – dann können wir uns also beim gleichen Hit gemeinsam an unsere Kindheit erinnern. Können wir uns dann auch auf Partys angetrunken in den Armen liegen und zusammen „Freed from desire“ brüllen und dieses Erinnerungsgefühl erleben? Das ist ja `ne Zeitschleife! Bei Filmen kann ich noch gar nicht richtig mitreden, da sind meine Kinder ja noch etwas zu klein für, aber was sie kennen, sind die alten Schinken von Disney: die Hexe und der Zauberer und die ganzen Lindgren Filme, Stichwort Saltkrokan, Bullerbü und Lönneberga. Hihihi. Also, das ist doch wirklich komisch. Medial gesehen inszenieren wir quasi, wie bei „Good bye Lenin“, die Kindheit unserer Kinder. Vielleicht machen wir es auch deshalb, weil es bei uns ja alles gut gegangen ist. Wir haben eben gute Erfahrungen mit den Ghostbusters und Maoam gemacht, das war schön und heute geht`s uns gut, es scheint also ein gutes Konzept für den Nachwuchs zu sein, wenn es auch für uns schon gut war! Vielleicht ist es auch ein Wunschtraum. Ein Wunschtraum, dass schon alles gut gehen wird, wenn wir die Kassette einfach zurückspulen und unseren Kindern die gleichen Dinge zeigen, die uns schon gezeigt wurden. Es muss alles gut gehen, trotz Trump, trotz Aufrüstung, trotz Umweltzerstörung, trotz Flüchtlingswellen, trotz Rechtsruck, trotz Rentenfragen. Allem zum Trotz muss es das, es sind doch unsere Kinder! Meine beiden kleinen Mädchen sind es. Und eure vielen kleinen Kröten da draußen. Für die muss es doch alles gut werden. Trotz daily bad news. Wir haben unseren Eskapismus doch nicht von ungefähr! Er ist ein Symptom unserer Zeit und wenn wir zuhause die Zeit vor der Jahrtausendwende wieder aufleben lassen, dann tun wir es auch, weil es uns selbst gut tut. Hier geht es um ein Gefühl. Um das Gefühl von Sicherheit und Vertrautem. Und die alten Bücher hat meine Mutter zum Glück auch alle aufgehoben, die Pixi-Bücher und eins von einer Dickmadame und natürlich die Raupe Nimmersatt. Letztere überdauert ja ohnehin die Generationen, das Buch ist auch heute noch erhältlich, genauso wie Benjamin Blümchen CD`s oder Bibi Blocksberg, das kennt heute auch jedes Kind. Oder eben ihre Nachfolger, wie Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina. Wenn man so will, haben wir ja heute auch ähnliche Ansprüche an Kindergeschichten und -figuren wie auch schon unsere Eltern. Insofern macht es ja auch Sinn, dass manche von ihnen schon mehrere Generationen überdauert haben und sowohl von uns als auch unseren Kindern gekannt und geliebt werden. So wird dann aus Kult Kultur und Kindheitshelden zu generationenübergreifenden Vorbildern, die aus uns kleinen Jungs und Mädels starke Erwachsene gemacht haben. Das gute Gefühl, so stark wie Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf zu sein, das habe ich gefühlt. Es war so schön. Zu schön, um es nicht nochmal zu tun.

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