Geboren 1983. Und dann mutterseelenallein.

Es ist ein heißer Tag im Juli 1983. Meine Mutter liegt seit Stunden in den Wehen, auf einer Pritsche unter hellen Leuchtstoffröhren. Zwischen ihr und den anderen Gebärenden flattert ein weißer Vorhang, die Laute sind überall, die Atmosphäre ist kalt,  keine Intimität. Es ist Nachmittag, in der Nacht zuvor war die Fruchtblase geplatzt, gegen Mitternacht. Seitdem Wehen, aber kaum ein Vorankommen. Der Wehenschreiber zeichnet jede Regung auf, das CTG überwacht mich. Gegen 15:30 Uhr verschlechtert sich mein Zustand, das CTG schlägt Alarm, etwas stimmt nicht, mit den Herztönen. Meine Mutter bekommt von all dem nicht mehr viel mit, es wird eine Entscheidung gefällt: Kaiserschnitt. Es muss schnell gehen. Vollnarkose. Meine Mutter liegt im OP, mein Vater wartet draußen, mich greifen zwei Hände, ich werde geboren,  man untersucht mich, irgendwas gefällt den Ärzten nicht so ganz. Zur Sicherheit bringt man mich in die Kinderklinik. Während meine Mutter genäht wird, schieben sie mich in einem kleinen Bett in ein anderes Gebäude des Klinikums. Dort kümmert man sich um mich. Meine Mama habe ich noch nicht gesehen. Auch nicht gerochen, gehört oder gefühlt. Am frühen Abend ist meiner Mutter wieder wach, sie hat Schmerzen und will nur eins: mich sehen. Ein Ding der Unmöglichkeit, nach der OP. Sie muss liegen und ich bin einige hundert Meter weit entfernt, in einem anderen Gebäude. Dort liege ich alleine in einem kleinen Bett. Wurde angekleidet und gefüttert. Ich schlafe, weine, bekomme die Flasche. Es vergehen viele Stunden, Tage. Es wird und dunkel und wieder hell und ich bin irgendwo im Nirgendwo, kein Zeitgefühl, keine Orientierung. Mein Vater war wohl mal da, den kenne ich aber noch nicht richtig, nur diffus, eine Stimme von draußen, aus dem Bauch. Er schießt ein Bild von mir.  Die, die sich kümmern wechseln täglich, im Schichttakt neue Stimmen, andere Berührungen. Ich kenne keinen Tag und keine Nacht, keine Betten, in denen ich liege, keine Windeln, die man mir anzieht, keinen Stoff auf meiner Haut, keine Stimme ist mir vertraut, kein Geruch, kein Geschmack nichts, es ist alles fremd. So liege ich da. Am vierten Tag darf meine Mutter das erste Mal im Rollstuhl zu mir fahren und mich sehen. Nach über 72 Stunden Isolation, endlich bist du da. Aber du musst wieder gehen und ich zurückbleiben. So geht es weiter, weitere vier Tage. Am 8. Lebenstag holen meine Eltern mich ab. Nach Hause. Ich habe von Anfang an gut alleine in meinem Bett geschlafen, erzählt meine Mutter mir heute.  Liegt das daran, dass ich es in meiner ersten Lebenswoche musste? Was habe ich da gemacht, im Krankenhaus? Wer ist gekommen, wenn ich geweint habe? Ist überhaupt gleich jemand gekommen? Wie lange hat man mich gehalten? Konnte mich das überhaupt beruhigen? Oder musste ich es irgendwann hinnehmen, das das Vertraute einfach nicht kommt, egal, wie lange ich darum weine? Hebammen sagen: Wenn Babys schreien, haben sie kein Zeitgefühl. Fünf Minuten schreien lassen – für Säuglinge eine Ewigkeit. Damals galt: Schreien stärkt die Lungen. Ich habe keine Erinnerung an die Woche im Juli 1983. Nur noch dieses eine Foto – ein Polaroid, der neueste Schrei.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s