Lotterleben

Ich war heute eine schlechte Mutter. Ich habe geschrien, blöde Sachen gesagt und war gemein. Und ich habe ein papp-fettes Mittagessen gegessen, danach noch Süßes und ich habe mich in der letzten Woche viel zu wenig bewegt. Und ich habe noch drei Kleider im Internet bestellt und vergessen die gelbe Tonne rauszustellen. All das kreist heute Abend in meinem Kopf und es stresst mich, denn ich finde unterm Strich: der Laden läuft nicht! Ich möchte keine Mama sein, die ausrastet, weil ihre Kinder trotzen und ich fühle mich eklig, weil ich nichts Gesundes gekocht habe und mich dann noch, den Nachmittag über, mit Süßem über Wasser gehalten habe und ich habe mir eigentlich untersagt, noch mehr Kleidung zu kaufen. Stattdessen wollte ich ausmisten. So wie es mir in meinen Lieblingsmagazinen empfohlen und vorgemacht wird. Ausmisten, sich von Materiellem trennen und damit zu einem neuen Lebensgefühl gelangen. Decluttering nennt sich dazu der Begriff, nach dem englischen Ausmisten. Angespornt von dieser Idee hatte ich vor, Klamotten und anderen Kram loszuwerden, zu verkaufen und zu verschenken, um keinen Müll zu produzieren. Stattdessen konsumiere ich, und das auch noch bei fragwürdigen Händlern. Ist ja prima gelaufen! Ich verbiete mir solche Sachen eigentlich, denn ich habe eine andere Vorstellung von mir selbst. Ich möchte verantwortungsvoll handeln, ausgeglichen sein, achtsam (ist ja Mode) und meinem Körper Gutes tun. Ich möchte so handeln, dass ich möglichst wenigen Menschen und der Umwelt damit schade. Alles das möchte ich und ich setze mich damit unter Druck. Aber warum will ich das alles? Wahrscheinlich, weil ich das Gefühl habe, dass es der richtige Weg ist und weil ich mich auch nicht aus meiner Verantwortung stehlen will. Ich kann ja nicht einfach leben wie der Räuber Hotzenplotz und über mein Handeln nicht nachdenken und fertig. Das ist doch falsch! „Her mit der Bratwurst und dem Sauerkraut, Oma! Und zwar zwackig!“ Und außerdem wird es mir doch ständig vorgelebt in Magazinen über Lifestyle und Natur, auf Instagram, in Blogs. Dort wimmelt es von guten Ratschlägen, die das Leben reicher und schöner machen, die uns nachhaltig glücklich machen, von aufmerksamen, liebevollen Müttern, die auf ihre Kinder in jedem Belang mit vollster Hingabe eingehen, sich Zeit nehmen und mit einer Gelassenheit scheinbar jede noch so verkorkste Eigenschaft voriger Generationen überwinden und jetzt alles besser machen.

Richtig klar geworden ist mir das nach der Geburt meiner ersten Tochter: die gesamte Schwangerschaft habe ich die einschlägigen Mama-Zeitschriften verschlungen und sehnsüchtig auf das Leben mit Kind gewartet, ich habe geträumt von Familienkuscheln im Bett und von Ausflügen mit dem Kinderwagen, von spannenden Urlauben zu Dritt und verzauberten Weihnachtstagen. Und dann hat mich die Realität überfahren. Ich hatte ein völlig verklärtes Bild vom Elternsein und das lag mitunter an den Vorstellungen, die genau diese Magazine, Profile und Blogs in mir weckten. Ich dachte, ich bereite mich auf diese Weise auf das Elternsein vor, stattdessen wurde ich geblendet und bin dadurch irgendwo in einer postnatalen Depression gelandet. Und mit den Blogs ist das manchmal ähnlich. Da wird mir gezeigt, wie alle zusammen Nachmittage lang Zwergenschlösschen mit ihren Sprösslingen aus Waldmitbringseln basteln, die sie zuvor auf einem romantischen Spaziergang trotz Regens (oder gerade deshalb!) gesammelt und nach Hause getragen haben. Da wühlen zarte Kinderhände im Waldboden, ein rotbackiges Gesicht blickt lachend gen Himmel, die orange gepunkteten Gummistiefel passen ganz nebenbei zu dem Sanddornbusch am Bildrand. Später werden alle mit dem tollen Ergebnis happy beim Spielen damit gezeigt und mir erklärt, wie simpel man doch einen verregneten Sonntag verbringen kann und wie unkompliziert man aus ein paar Fundstücken das herrlichste Spielzeug bauen kann. Jetzt steht die Welt still, alle sind happy: die Eltern, die Kinder, Mutter Natur und Maria Montessori. Es ist doch alles so einfach und soll nur eine Inspiration sein. Soll ich mal kurz zusammenfassen, wie das bei uns laufen würde: Vorschlag spazieren zu gehen, die Große hat keine Lust, es ist ihr zu anstrengend, widerwillig müssen allen die Regensachen angezogen werden, im Wald hat sie keine Lust weiterzulaufen, findet nichts zum Sammeln, alles ist doof oder irgendein Stöckchen zerbricht, das war dann besonders wichtig, dann gibt’s einen Wutanfall und zuhause „will“ ich dann basteln und sie will aber lieber spielen und wenn dann irgendeine Haselnuss nicht richtig klebt, wird das ganze Bauwerk zertrümmert und alle sind genervt. Hätte ich einfach Cinderella angemacht und wir hätten uns mit einem Glas Wasser auf die Couch gepflanzt, es wäre ein lockerer Nachmittag geworden. Aber ist das möglich, wenn ich weiß, dass die anderen gerade Naturkunstwerke basteln? Also, neige ich dazu, uns alle zu solchen Vorhaben zu überreden und wenn ich geschickt war, habe ich in ein paar wenigen Momenten drei Bilder mit meinem Handy geschossen, einen hübschen Filter drüber gelegt und mache euch jetzt allen weiß, dass ich einen tollen Tag hatte. Obwohl es nicht stimmt. Und ich frage mich ehrlich, ob man mir das auch ständig vorgaukelt oder ob ich besonders eigenwillige Kinder habe, die auf so Aktionen einfach keinen Bock haben!? Und damit nicht genug: Bei all diesen kreativen Superaktivitäten ist alles hübsch hergerichtet, die Kinder sind putzig angezogen und dreht es sich um Essen, wird wertgelegt auf fair, lokal, saisonal, biologisch – alles ist perfekt. Auf der einen Seite beruhigt es mich, denn grundsätzlich gefällt mir das alles ja – die Welt ist also doch schön und Bullerbü existiert irgendwo. Auf der anderen Seite lässt es mich aber an Abenden wie diesen genau so dasitzen – bei mir ist nicht Bullerbü – na toll. Obwohl es ok ist, mal durchzuhängen und sich abseits dessen zu bewegen, was man sich vorgenommen hat, hängt die innere Latte hoch, bei vielen von uns, finde ich. Und wir fühlen uns schlecht dabei und machen trotzdem alle mit bei dem Spielchen, obwohl es uns allen nicht gut tut. Ich für meinen Teil brauche mehr Menschen, die mit mir auch solche Momente teilen – die schwachen Momente. Natürlich wollen wir unser Leben immer gerne im besten Licht präsentieren, aber das führt zwangsläufig dazu, dass wir unser eigenes Leben weniger perfekt, als das der anderen empfinden.

Früher hieß es ja: „Nur weil alle anderen ein Haustier haben, musst du keins haben.“ Das brachten mir meine Eltern damals bei. Heute bin ich erwachsen und will immer noch das haben, was alle anderen haben. Oder ich will es genauso gut und genauso richtig machen. Sonst bin ich am Ende selbst Schuld, wenn irgendwas nicht so läuft wie geplant: Hätte ich mich mal lieber mehr angestrengt, mehr auf alles geachtet, muss ich mir das dann vorwerfen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich lernen muss, mich von manchen Vorstellungen frei zu machen, auch von denen, die einen eigentlich gut tun sollten, denn nur, weil ich nicht immer gesund esse oder mit meinen Kindern in den Wald gehe, geht es uns ja nicht gleich schlecht. Ganz im Gegenteil, es geht uns blendend, der einzige Störfaktor ist der Kopf, der mir sagt, was eigentlich besser gewesen wäre.

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